fbpx

De Maizière vs. Gen Z: Faulheit oder Visionärsein?

- 19. Juli 2023 -
ArbeitszeitGesundheit
EWCC_GenZ-Blog

„Wir müssen alle zusammen mehr arbeiten. Wir müssen mehr ans Gemeinwohl denken. Und wir dürfen nicht nur unsere Bedürfnisse in den Vordergrund rücken.“ Dies sind die Worte des ehemaligen Bundesministers des Innern, Thomas de Maizière. Worte die aufhorchen lassen. Doch der derzeitige Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2023 geht noch weiter.

Die Menschen müssten länger, mehr und auch „besser“ arbeiten, betont der frühere CDU-Bundesminister. Work-Life-Balance – schon der Begriff sei abstrus. Die Anspruchshaltung vieler in dieser Generation Z gehe ihm gegen den Strich. Ihn ärgere, dass sie zu viel an sich denken und zu wenig an die Gesellschaft. Am siebten Tage sollst du ruhen, heiße es schließlich in der Bibel. Das bedeute ein Verhältnis von sechs zu eins. Und nicht, dass die Freizeit überwiege.

Rums. Das hat gesessen.

Allzu oft steht die Generation Z im Mittelpunkt von Vorwürfen, faul und anspruchsvoll zu sein, insbesondere in Bezug auf ihre Forderungen nach mehr Arbeitszeitflexibilität und einer 4-Tage-Woche. Doch so deutlich wie Herr de Maizière ist dabei selten ein „Boomer“ – also ein Mensch, der zwischen 1946 und 1964 geboren ist – geworden.

Die Generation Z.

Das sind diejenigen, die in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren geboren wurden. Im Gegensatz zu ihren Vorgängergenerationen, den Millennials, sind sie mit digitalen Technologien aufgewachsen und bringen eine hohe Affinität und Kompetenz im Umgang mit diesen mit. Die Generation Z zeichnet sich durch ein starkes Engagement, eine hohe Motivation und den Wunsch nach Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit aus.

Doch was ist eigentlich dran an dem Vorwurf, die Generation Z verlange zu viel von den Arbeitgebenden dieses Landes und leiste im Gegenzug zu wenig? Und an der Befürchtung von Herrn de Maizière – und vielen anderen Boomern – Deutschland werde „nach unten durchgereicht“, wenn wir nicht länger, mehr und auch besser arbeiten?

Die Forderungen nach Arbeitszeitflexibilität durch die Generation Z ist keineswegs Ausdruck von Faulheit, sondern vielmehr von einem Bedürfnis nach individueller Gestaltung und Work-Life-Balance.

Flexibilität ermöglicht es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit an persönliche Bedürfnisse anzupassen und dadurch mitunter produktiver und zufriedener zu sein. Arbeitgebende profitieren ebenfalls von flexiblen Arbeitszeitmodellen. Sie können dazu beitragen die Produktivität zu steigern, die Mitarbeiterbindung zu stärken und als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Und auch das Klima freut sich. So soll es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Klimabilanz und Arbeitszeit geben. Der Energieverbrauch am Arbeitsplatz und die Emissionen beim Pendeln würden, insbesondere durch flexible Home Office Regelungen, gesenkt.

Den besten Beleg dafür, dass eine Arbeitszeitverkürzung nicht automatisch zu einem Verlust an Produktivität führt, sondern unter Umständen das Gegenteil bewirken kann, liefert die Vergangenheit. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nahm die Produktivität je Erwerbstätigen zwischen 1991 und 2019 um 25,1 Prozent zu. Dies obwohl sich die Arbeitszeit je Erwerbstätigen in diesem Zeitraum um 11,0 Prozent reduzierte.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen im Zusammenhang mit der Forderung nach mehr Arbeitszeitflexibilität. Arbeitgebende müssen einen erhöhten Koordinationsaufwand bewältigen und die Kommunikation sicherstellen. Die Beurteilung der individuellen Leistung kann erschwert werden, wenn keine einheitlichen Arbeitszeiten existieren. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen wiederum darauf achten, eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben zu gewährleisten und eine mögliche soziale Isolation zu minimieren.

Gleichwohl ist die Forderung nach mehr Flexibilität und Individualität in einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt ein Schritt in Richtung einer modernen und zukunftsorientierten Arbeitskultur, die sowohl den Bedürfnissen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als auch den Unternehmenszielen gerecht wird.

In einem Land, in dem inzwischen 42 % der Bevölkerung konfessionslos sind und die Anzahl der Kirchenaustritte jährlich neue Höchstwerte erreichen, entspricht das von Herrn de Maizière erwähnte Verhältnis von sechs zu eins jedenfalls weder der betrieblichen noch der weltanschaulichen Realität. Und all denjenigen, die sich im Zuge der Forderungen nach einer 4-Tage-Woche um eine schwindende Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik sorgen, sei mit auf den Weg gegeben: Der größte Unterschied in der Arbeitsmarktpartizipation besteht nicht zwischen den unterschiedlichen Generationen, sondern hängt in Deutschland immer noch vom Geschlecht ab.

Diesen Beitrag teilen:

LinkedIn
Facebook
Twitter
WhatsApp
Email
Print